28. November 2014 |

Humane Arbeit statt Entgrenzung der Arbeit

«Die Work-life-balance muss tief im Herzen eines Gewerkschafters verankert sein», verrät einleitend syndicom-Präsident Alain Carrupt sein Rezept gegen die grassierende «Entgrenzung der Arbeit». Dieses hochaktuelle Thema behandelte die syndicom-Fachtagung am 21. November im Hotel-Restaurant Jardin in Bern mit hochkarätigen Referierenden aus syndicom, IG Metall, Staat, Wissenschaft, Swisscom und Gewerkschaftsbund. Der Saal ist voll, das Interesse gross.

 

SECO: Flexibilisierung führt zu Entfremdung
syndicom Telecom/IT-Sekretär Daniel Münger hat die Aufgabe auf sich genommen, die Fachtagung „Entgrenzung der Arbeit“ zu moderieren. Als erste stellt er Maggie Graf vor, Ressortleiterin Arbeit und Gesundheit beim Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Maggie Graf sieht zuerst einmal Vorteile in der Flexibilisierung der Arbeit, sowohl beim Arbeitgeber (Wegfall von Überstunden, Zuschlägen usw.), aber auch beim Arbeitnehmer: Nähe zur Familie, selbständige Organisation der Arbeit usw. Doch Studien belegten auch Nachteile, nämlich die „Ökonomisierung der Zeit, die zu Entfremdung führt“. Dies zeige sich bei der Gesundheit der Arbeitenden, beispielsweise beim zunehmenden Burnout, und auch bei der hohen Belastung und der zunehmend komplexen Kinderbetreuung in der Familie.

Gemäss Studien des SECO beklagen sich in der Schweiz 84 Prozent über hohe Arbeitstempi – in der EU insgesamt sind es ‚nur‘ 59%. Die Schweiz führt diese unrühmliche Rangliste an. 20% der Schweizer Befragten beklagen sich über Arbeit in der Freizeit (EU: 15%).

Der Staat, so Maggie Graf, überwache mit Arbeitsinspektoren den Vollzug der Arbeitsgesetze, des Obligationenrechts und der Sozialversicherungsgesetze. Ausserdem biete das SECO Mediationen an. An der Podiumsdiskussion am Ende des Tages wird deutlich, dass die Arbeitsinspektoren v.a. im technisch-ergonomischen Bereich und in der Prävention von Arbeitsunfällen gut geschult sind, jedoch kaum bei typischen ‚Entgrenzungskrankheiten‘ wie Burnout. Doch zu diesem Thema würden die Inspektoren im Moment geschult, betont Maggie Graf.

DGB: Revolutionäre Veränderungen in der Unternehmens- Organisation
Einen sehr gewerkschaftsnahen Vortrag hält der freie Publizist Klaus Pickshaus, der früher beim Vorstand der deutschen IG Metall tätig war. Er zeigt auf, dass die „neue Volkskrankheit Burnout“ nicht nur ein Thema der Medien und in den höheren Etagen ist, „sondern auch im Kernbereich der IG Metall angekommen ist“. Dem Stressreport Deutschland sind Ursachen der zunehmenden psychische Belastungen zu entnehmen, die vergleichbar mit Studien in der Schweiz sind (vgl. syndicom - die zeitung Nr. 15/2013, S. 3 Mitte):

                                                                                     1998/99         2011/12
Verschiedene Arbeiten gleichzeitig                             42%              58%
Starker Termin- und Leistungsdruck                          50%              52%
Ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge                45%              50%
Störungen / Unterbrechungen                                      34%              44%
U.a.

Veränderungen in der Arbeitswelt, so Klaus Pickshaus, würden meist mit digitaler Technologie und dem Internet in Verbindung gebracht. Es gebe daneben jedoch teilweise unbemerkt „revolutionäre Veränderungen im Prinzip der Unternehmensorganisation selbst und damit im Charakter von Herrschaft“.

Er führt diese neuen Prinzipien unter dem Titel „Vermarktlichung und indirekte Steuerung“ aus:

  • Verlagerung unternehmerischer Verantwortung auf die Beschäftigten
  • Ausrichtung an abstrakten Zielen (Beispiel Deutsche Bank: Vorgabe von 25% Rendite)
  • Umsetzung dieser Ziele bis in die untersten Organisationseinheiten, resp. bis zum einzelnen Mitarbeitenden
  • Restrukturierungen in Permanenz: Laufende Überprüfung der Rentabilität und permanente organisatorische Anpassungen zur Profitmaximierung


«Macht wie ihr es wollt, aber seid profitabel»
Einerseits bekommen viele Mitarbeitende mehr Autonomie – aber es wird auch mehr Druck aufgesetzt, die abstrakten (Profit-) Ziele zu erreichen. Egal wann und wie, es darf auch in der Freizeit sein… Mit dieser Steuerung werden letztlich Freizeit und Privatsphäre in Frage gestellt. Und im Hintergrund, so Pickshaus, drücken die (ebenfalls abstrakten) Finanzmärkte: „Den Druck der Finanzmärkte auf jeden einzelnen Mitarbeiter herunterbrechen“, so tönt es aus den Chefetagen (Zitat von Martin Kannegiesser, ehem. Präsident der deutschen Gesamtmetall).

Die zweite weit offensichtlichere Ursache der neuen Unternehmenssteuerung sieht Pickshaus in der Digitalisierung und den IT-Techniken, die eine ständige Erreichbarkeit zur Folge haben und zudem eine umfassende Kontrolle und Steuerung der Beschäftigten und eine sog. „Verflüssigung der Arbeitsorganisation“ zur Folge haben. Konzerne schreiben beispielsweise in sog. „Clouds“ Arbeiten international aus, „was zu Formen von digitaler Tagelöhnerei führt“. Und zur Abwälzung unternehmerischer Risiken auf die Arbeitenden und zur „Entbetrieblichung von Arbeit“.

SGB: Arbeitslager Schweiz
Die Fakten weisen gemäss SGB-Zentralsekretär Luca Cirigliano im Vergleich mit der EU in folgende Richtung: In der Schweiz wird am meisten gearbeitet, nämlich 43 Stunden pro Woche (D: 40,5 Std, F. 37,5 Std.) und in der Schweiz ist auch der Stress am höchsten: 33,5 % beklagen sich gemäss einer aktuellen Studie hierzulande darüber (D: 31%, F: 27,5%).

Luca Cirigliano lobt das nun 50 Jahre alte Schweizer Arbeitsgesetz, das mit Deregulierungs-Forderungen von Arbeitnehmerseite her kritisiert wird. Auf der anderen Seite würden die Gewerkschaften mit „äusserst konservativen“ Positionen stehen, da das Arbeitsgesetz viel Positives zum Schutz der Arbeitnehmer enthalte. Die Begriffe und Arbeitsinstrumente der Arbeitnehmer wie Telearbeit, Homeoffice, Mobilework und Crowdsourcing seien „gefährlich hinterhältig“ und würden letztlich zur Prekarisierung, zur Verunsicherung der Arbeit führen. Cirigliano betont, dass diese Zeiterscheinungen ebenfalls im GAV geregelt werden können - und auch müssen: Klare Abmachungen zu Haftungs- und Krankheitsfragen, Pausen, Nachtarbeit usw. auch im Homeoffice.

Soziologe Mäder: Mehr Ruhe und Gelassenheit!
Telecom/IT-Sekretär Daniel Münger stellt Soziologie-Professor Ueli Mäder als „Mann der grossen Zusammenhänge“ vor. Eine von Mäders zentralen Thesen geht so: „Flexibilisierung führt zur Prekarisierung“. Die Gesundheit der am schlechtesten Entlöhnten leide gemäss Studien am meisten. Seine gegensteuernde Forderung bewegt sich auf eher philosophischem Niveau: „In die Arbeit muss mehr Ruhe und Gelassenheit integriert werden“, dies durch eine menschenfreundliche Unternehmenskultur. Konkret: Inseln der Entspannung schaffen, Kaffeepausen usw. Über diesen „kultürlichen Bereich“, wie Ueli Mäder das nennt, sollen die Mitarbeitenden mitbestimmen.

Den Nachmittags-Vortrag hält Giorgio Pardini über eine aktuelle, gut beantwortete Umfrage in vier grossen Schweizer IT/Telecom-Betrieben, die Anfang nächsten Jahres - mit dem letzten Schliff versehen - den Medien vorgestellt werden wird. Man darf gespannt sein!

Podiumsdiskussion akzentuiert Positionen
Die abschliessende Podiumsdiskussion unter den Teilnehmenden bringt weitere wichtige Aspekte zum Thema:

Swisscom-Konzernleitungsmitglied Hans Werner betont das „breite Gesundheitsmanagement“ der Swisscom und den grossen Gestaltungsspielraum der Mitarbeitenden. Stress? Ja, den gebe es, nach Swisscom-Umfragen erlebten aber nur 26% häufigen und negativen Stress (sog. „Distress“). Es gebe auch positiven Stress (sog. „Eustress“), der bei der Bewältigung von grösseren Aufgaben natürlicherweise entstehe, aber keine Gesundheitsschädigungen nach sich ziehe.

Luca Cirigliano meint, Stress sei Stress und dieser nehme zu. Ihm fehlen konkrete Instrumente zur Eindämmung des Stresses, etwa „handfeste Mitwirkungsinstrumente.“ Eine gesetzliche Regelung des Homeoffice sei dringend nötig. Wer hafte beispielsweise bei Datenverlust?

Zum Einwand, psychische Belastungen könnten von Arbeitsinspektoren kaum festgestellt werden, meint er: Fehlende Pausen, Überzeit, Nacht- und Sonntagsarbeit u.a.: „Dieser Grundsockel psychischer Belastung kann gut kontrolliert werden. Der Gesetzgeber muss eine Stresshaftung des Unternehmens festlegen.“

Klaus Pickshaus meint zur Forderung nach Arbeitzeitverkürzung: „Ohne Einfluss auf die Arbeitsleistung zu nehmen, macht das keinen Sinn.“ Grund: Arbeitgeber kontern Arbeitszeitverkürzungen mit Verdichtung der Arbeit. Und wieder steigt der Stresspegel an. Deshalb: „Die Anzahl Arbeitsstellen zur Bewältigung bestimmter Aufgaben müssen auch ein gewerkschaftliches Thema sein!“, fordert er kühn – aber konsequent.

„It’s time for a channge“: „Es gibt verschiedene Stellschrauben, wo wir ansetzen können“, betont Klaus Pickshaus. Nicht zuletzt gebe es ja auch noch die „Selbstaktivitäten der Lohnabhängigen. Diese sind Experten ihrer Arbeit und ihrer Gesundheit.“ Nicht nur das: „Im gemeinsamen Austausch mit anderen entsteht gewerkschaftlicher Power!“

 

Alfred Arm, Mitglied der Gesundheitskommission von syndicom. Er studierte Sozialwissenschaften und Betriebswirtschaft in Bern (lic. rer pol.) und ist heute Journalist BR und Coach, spezialisiert auf Laufbahnberatung (www.roter-faden-finden.ch) und Burnout (www.burn-for.ch).  


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