Ein Ja zu Kultur und zu Vielfalt

Im Tessin haben sich rund 30 kleine Buchhandlungen in einem Verein zusammengeschlossen und tun alles, um das Buchpreisbindungsgesetz durchzubringen. Die Stimmberechtigten werden am 11. März mit ihrem Stimmzettel zwischen Kultur und Billigkonsum entscheiden. Wir haben der Buchhandlung Il Segnalibro in Lugano einen Besuch abgestattet, um zu erfahren, was da genau auf dem Spiel steht.



Im Tessin sind die meisten Buchhandlungen eher kleine Familienunternehmen, zum Teil mit langer Tradition. In Lugano besteht seit 2002 an recht zentraler Lage die Buchhandlung Il Segnalibro. Die Vorbereitungen für das Zehn-Jahres-Jubiläum laufen. Prisca Wirz Costantini, Sabina Buzi und Francesca Beltrani sind die stolzen Eigentümerinnen.

Die drei Kolleginnen und Freundinnen waren vorher bei Melisa angestellt, der wohl bekanntesten Buchhandlung in der Region, und sie hatten den gleichen Traum wie die meisten, die sich die Welt der Bücher zum Beruf auserkoren haben: die Selbstständigkeit mit einem eigenen Geschäft. Ein Führungswechsel bei Melisa wurde zum Auslöser, sich konkret auf die Suche zu machen. Als sie auf ein Lokal stiessen, das für ihre Zwecke wie geschaffen schien, nahmen die drei jungen Frauen allen Mut zusammen und stürzten sich in das Abenteuer. Die Buchhandlung Il Segnalibro war geboren.

Unzählige Arbeitsstunden
Heute arbeiten acht Personen im Geschäft, vier zu 100 Prozent, drei in Teilzeit sowie eine Lehrtochter. «Wir haben uns in dieses Projekt voll eingebracht mit ganzem Einsatz, unzähligen Arbeitsstunden – und auch mit der Unsicherheit, ob wir unser Publikum finden werden», erzählt Wirz, mit der wir uns über die Verhältnisse im Tessiner Buchhandel unterhalten. Immerhin profitierten die drei Frauen von ihrer mehrjährigen Erfahrung, dank der sie die Kontaktpersonen, Vertreter und Vertriebsfirmen kannten, wo sie ihre Bestellungen aufgeben konnten.

Prisca Wirz ist eine der wenigen Buchhändlerinnen im Tessin, die das eidgenössische Diplom erwarben, als es dort noch gar keine Buchhandelsausbildung gab. Sie musste deshalb nach Zürich in die Schule, während sie die Lehre im Tessin absolvierte, eben bei Melisa. «Montags und dienstags arbeitete ich in Lugano, von Mittwoch bis Freitag ging ich in Zürich zur Schule, und am Freitagnachmittag kehrte ich ins Tessin zurück und arbeitete am Samstag wieder in Lugano. Weil die Schule in Zürich war, erstattete mir der Kanton einen Teil der Kosten.» Der Entscheid hat sich für Wirz ausbezahlt: Heute arbeitet sie in der eigenen Buchhandlung. Das Sortiment umfasst alle möglichen Bücher; es gibt keine Spezialisierung, dafür auch Sprach- und Schulbücher. Prisca Wirz ist stolz darauf, dass sie ihren Traum realisiert hat.

Unsere Unterhaltung findet an einem Freitagmorgen im Februar statt, und schon um neun Uhr betreten die unterschiedlichsten Kundinnen und Kunden den Laden. Kategorisieren lassen sie sich nicht, weder als Konsum- noch als Lese-Typen.

«Zu uns kommen oft Kunden mit einem Melisa-Plastiksack in der Hand. Ich glaube, dass viele Menschen beide Buchhandlungen besuchen. Wir unterscheiden uns halt im Angebot, wir haben eine andere Ausrichtung, und das ist auch gut so, das Zusammenleben funktioniert.» Zwischen den Buchhandlungen herrscht eine gesunde Konkurrenz, auch gegenüber den Grossverteilern wie Manor und Migros, wohl vor allem, weil letztere hauptsächlich «einfache» Bücher verkaufen, also Bestseller von Grisham und Ähnliches. Beratung oder die Suche nach Büchern dagegen gibt es bei ihnen nicht. «Wenn aber die Buchpreisbindung abgelehnt wird, könnten wir in Zukunft eine sehr aggressive Preisattacke erleben, was uns zweifellos Schwierigkeiten bereiten würde», sagt Wirz.

Intensive Ja-Kampagne
Eben, am 11. März stimmt das Volk über das Buchpreisbindungsgesetz ab. Dabei geht es um viel, um so viel, dass sich die kleinen Tessiner Buchhandlungen zu einem Verein zusammengeschlossen haben und eine intensive Kampagne für ein Ja zur Buchpreisbindung führen.

Was würde es für eine Buchhandlung wie Il Segnalibro bedeuten, wenn dieses Gesetz abgelehnt würde? Die Buchhandlungen brauchen eine gewisse Marge, um überleben zu können; daher können sie es sich nicht erlauben, auf Bücher aus dem Ausland den Tageswechselkurs anzuwenden oder grosse Rabatte zu gewähren, denn dies würde das sichere Aus bedeuten. «Kurzfristig hätten wir sicher mehr Kundinnen und Kunden, aber mittel- und langfristig könnten wir die Kosten nicht mehr decken. Und was geschehen würde beim Auftritt einer italienischen Grossfirma, daran wollen wir gar nicht erst denken. Diese hätte schon beim Ankauf viel bessere Margen als wir, abgesehen von ihrer Struktur, die es ihnen erlaubt, die Kosten nach Gutdünken zu amortisieren.»

 

Regulierung macht Sinn
Die Buchhandlungen setzen sich aber nicht nur aus kommerziellen Überlegungen für dieses Gesetz ein, sondern auch, weil das Buch als zentrales Kulturgut gewürdigt werden soll. In Europa haben viele Länder – Frankreich, Deutschland, Portugal, Spanien und Griechenland – ähnliche Vorschriften, und weil es sich dabei unter anderem um Nachbarländer handelt, ist es umso wichtiger, ähnliche Regulierungen zu haben. Zudem weiss man, dass in den Ländern ohne Schutz des Buchpreises nicht nur die Preise gestiegen, sondern auch die kleinen Buchhandlungen verschwunden sind.

«Die kleinen Buchhandlungen haben noch eine weitere Bedeutung», sagt Prisca Wirz. «Ihr Verschwinden würde zu einer quantitativen wie auch qualitativen Verflachung des Buchangebots führen.» Als Beispiel verweist sie auf Italien, wo bei den grossen Vertriebsketten einige wenige Personen darüber entscheiden, welche Bücher verkauft werden, was dann die Angebotsrealität im ganzen Land darstellt. Wo bleiben da die kleinen Verlagshäuser?

Wenn man die Buchhandlung Il Segnalibro betritt, bemerkt man zuerst eine Ecke mit Tessiner Verlagen und Autorinnen und Autoren. Und genau diesen Reichtum bringen die kleinen Buchhandlungen, wo die Inhaberinnen und Inhaber auch Raum für Nischenangebote schaffen.

Für Bücher gilt das Gleiche wie für Information, für kulturelle Angebote oder für Nahrungsmittel: Qualität hat ihren Preis. «Und nicht vergessen: Auch bei uns kann man Taschenbücher für zehn Franken kaufen. Es soll mir niemand sagen, dass das zu teuer ist!», hält Prisca Wirz fest. Uns bleibt somit nur zu hoffen, dass dieses Engagement für das Buch und für die Kultur mit einem Ja zur Buchpreisbindung belohnt wird. Und dass wir in zehn Jahren in der Buchhandlung Il Segnalibro zusammen mit dem Personal den zwanzigsten Geburtstag feiern können!

Barbara Bassi, Redaktorin

Eine Schatztruhe voller Entdeckungen

Porträt der kleinen, unabhängigen Buchhandlung La Vouivre im jurassischen
Saignelégier, welche das Buchpreisbindungsgesetz unterstützt, über das wir in etwas
mehr als einem Monat abstimmen.

Kunde: «Guten Tag, Herr Buchhändler; ich hätte gerne ein interessantes Buch!»

Buchhändler: «Hab ich!»

 



Jean-Michel Steiger verschwindet entschlossenen Schrittes zwischen den Regalen in seinem Laden. Als er zurückkommt, hält er ein kleines, 40-seitiges Bändchen in seiner Hand.

Buchhändler: «Hier, bitte sehr – daran werden Sie Freude haben!»

Diese Szene spielte sich kürzlich in einer der drei letzten unabhängigen Buchhandlungen im Kanton Jura ab (es gibt gerade noch eine pro Distrikt!). La Vouivre heisst sie, nach einem Roman von Marcel Aymé, aber auch in Anspielung auf eine mythologische Figur, die für urweltliches Wissen steht.

Saignelégier. Ein altes Haus, das gerade renoviert wird, nur ein paar Schritte entfernt vom legendären Café du Soleil und in Gehdistanz zum Bahnhof, der eine wichtige Drehscheibe ist für Touristinnen und Wanderer, die von hier aus die Schönheiten der Freiberge erkunden. Hier, in einem ehemaligen Café im ersten Stock eines Hauses, in das demnächst auch das Tourismusbüro einziehen wird, hat der 54-jährige Jean-Michel Steiger vor 23 Jahren eine unabhängige Buchhandlung eingerichtet. Es ist die einzige in dieser Gemeinde mit etwas über 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Der Geruch von Druckerschwärze und Poesie
Steiger ist Buchhändler nicht nur von Beruf, sondern aus Leidenschaft – und manchmal auch ein bisschen Missionar. «Ich schreibe keine Überstunden auf, und wirklich reich wird man damit auch nicht», sagt er, «aber diese Mission macht Spass.» Es reicht knapp für zwei Stellen: Der Inhaber zu 100 Prozent, den Rest teilen sich seine Ehefrau und eine Angestellte, die hier ihre Lehre absolviert hat. Sie sei seine letzte Lehrtochter, sagt Steiger: «Ich kann mir die Ausbildung des Nachwuchses finanziell schlicht nicht mehr leisten.» In zehn Jahren geht er in Pension, und er hat keine Ahnung, ob er einen Nachfolger, eine Nachfolgerin findet.

La Vouivre ist mehr als eine einfache Buchhandlung mit der thematischen Gliederung in Kinder- und Jugendbücher, Romane, Reiseführer usw. Ein besonderer Bereich mit mehreren Zimmern ist den jurassischen Autorinnen und Autoren gewidmet und dient auch als Café. «Die ehemalige Eigentümerin hat verlangt, dass man hier weiterhin Getränke ausschenkt», erklärt Jean-Michel Steiger. Die Mehrheit der 30 bis 40 Personen, die jeden Tag den Laden besuchen, kommt aber wegen der Bücher. Werke, die immer noch nach Druckerschwärze, nach Leim, nach Intelligenz und nach Poesie riechen. Nur ganz wenige Bücher stecken in einer Zellophan-Verpackung …

Jean-Michel Steiger befürwortet das Gesetz, das am 11. März zur Abstimmung kommt. «Man muss immer wieder darauf hinweisen, dass ein Buch keine Ware ist wie die anderen; es braucht dafür anständige Preise», meint er. «Ein Buch ist wie Luft oder Feuer oder Wasser. Der Mensch kann ohne sie nicht leben.» Wie sollen denn die Schriftsteller, Autorinnen und Verlage in der Region ihr Schaffen bekannt machen, wenn es keine Einrichtungen wie La Vouivre mehr gibt? Und wie soll La Vouivre finanziell bestehen, wenn in den Einkaufszentren der Nachbarstädte wie Delémont oder La Chaux-de-Fonds die Bestseller zu Billigpreisen verkauft werden?

Allerdings macht sich der Liebhaber des geschriebenen Wortes keine Illusionen. «Das Gesetz kann nicht alles klären. Die kleinen Buchhandlungen und der Beruf insgesamt müssen besser gefördert werden», meint er. Er ist überzeugt, dass das Buch und Läden wie La Vouivre eine wichtige soziale Rolle spielen.

Es braucht das Gesetz

Und die Kundschaft? Das ist manchmal etwas heikel. «Den Tod oder den Wegzug eines Buchliebhabers und -käufers spüren wir natürlich viel stärker als eine grosse Buchhandlung», sagt Jean-Michel Steiger. «Und die junge Generation ist vor dem Bildschirm aufgewachsen. Bücher aus Papier spielen für sie nicht mehr dieselbe Rolle.» Neue Gewohnheiten, halt. Aber diese soziologische Binsenwahrheit hält ihn nicht davon ab, sich für eine Reglementierung des Buchpreises in der Schweiz auszusprechen. «In Frankreich funktioniert dieses System seit 30 Jahren und trägt mit der Preisstabilität bei zur Vielfalt des literarischen und verlegerischen Angebots», betont er. Sogar die rechtsbürgerliche Regierung von François Fillon hat im Jahr 2009 darauf verzichtet, dieses Gesetz zu revidieren. Vielfalt? Das Wort steht im Raum. Jean-Michel Steiger hängt vor allem darum am Buchhändler-Beruf, weil er ihm bisher auch eine gewisse Autonomie belassen hat. «Das Schönste daran ist, dass ich meinen Kundinnen und Kunden meine höchst subjektiven Vorlieben präsentieren kann», sagt er.

Wie zum Beispiel jenes Büchlein, das er mir zum Abschluss unserer Unterhaltung in die Hände drückt: «Hier, bitte. Ich empfehle Ihnen ‹Hans Raoul Ulrich Vaneigem Obrist: Conversation avec Raoul Vaneigem›, einen kleinen Konversationsband zweier Schriftsteller, erschienen bei einem kleinen, unabhängigen Herausgeber, Manuella Éditions.»


Auf der vierten Umschlagseite des Werks findet sich ein bedenkenswerter Satz: «Ich bin weder Pessimist noch Optimist. Ich möchte dem Grundsatz folgen: alles wünschen, nichts erwarten.»

 

Mohamed Hamdaoui, Kommunikationsverantwortlicher syndicom

Der Jungunternehmer

Anstatt vorzeitig aus dem Berufsleben auszusteigen, hat sich Robert Jourdan, 62, selbstständig gemacht und zusammen mit Partnerin Sylviane Louis in Winterthur einen feinen, kleinen Buchladen eröffnet. 

 

 

Von der Marktgasse, der zentralen Shoppingmeile in der Altstadt von Winterthur, sind es bloss ein paar Schritte: Das blau-gelbe Ladenschild – auf der einen Seite ein aufgeschlagenes Bücherköfferchen mit Flügeln, auf der anderen Seite das Logo des Reisebüros Hildebrand – ist nicht zu übersehen. Im Ladenfenster links ist die Auslage ganz auf Lektüre ausgerichtet, rechts von der Eingangstür schaut eine bronzene indische Gottheit auf die Metzggasse.

 

Der Bücherkoffer ist eine einleuchtende Mischung von Buchhandlung und Reisebüro. Zwei gemütliche Sessel, elegante Wandregale, Büchertische und die Ladentheke: Ganz klar, hier gehts ums Buch. Im hinteren Teil des Geschäftslokals beraten Christian Hildebrand und Carmine Bernardo ihre Kundinnen und Kunden, organisieren Reisen nach dem Fernen Osten oder in den hohen Norden, Städtetouren und mehr. «Wir können Synergien nutzen», sagt Buchhändler Robert Jourdan, «Kundschaft, die eine Reise buchen möchte oder sich für eine bestimmte Destination interessiert, findet bei uns die passende Reiseliteratur. Wir führen aber auch Wanderführer und Kartenwerk für den Ausflug im Nahbereich.» Er selbst ist ein begeisterter Wanderer und liebt vor allem das Zürcher Oberland und das Tösstal unweit der Stadt.

 

Selbstbestimmt arbeiten

Mit den Schwerpunkten Reisen, Krimis und Winterthurer Literatur hat der Bücherkoffer seine Nische gefunden. Bereits an ihrer früheren Stelle in der Buchhandlung Vogel war Sylviane Louis verantwortlich für die Krimi-Abteilung, während Robert Jourdan die Reise-Abteilung unter sich hatte. Als im Sommer 2008 die Winterthurer Traditionsbuchhandlung an die Buchhandelskette Thalia verkauft wurde, überlegten sich Louis und Jourdan schon mal, wie ihre Zukunft im Buchhandel aussehen könnte. Im Sommer 2010 nahm die Idee, sich selbstständig zu machen, Gestalt an. Als ihr Bekannter Christian Hildebrand begeistert auf das Projekt eines kombinierten Buchladens und Reisebüros einstieg, gings zügig vorwärts. Ein auf Ladeneinbauten spezialisierter Architekt wurde beigezogen; das Altstadtlokal, in dem vorher nur das Reisebüro eingemietet war, erhielt ein grundlegend anderes Gesicht. Im März 2011 war Eröffnung. Jourdan lacht: «Nach 45 Jahren im Beruf bin ich als 62-Jähriger noch Jungunternehmer geworden!» Und fügt sofort hinzu: «Gewerkschaftsmitglied bleiben meine Partnerin und ich trotzdem.»

 

«Starke Gewerkschaften sind nötig»

Die neu gewonnene Freiheit macht Spass, auch wenn es am Anfang viel Arbeit für bescheidenen Lohn ist. Jourdan und Louis teilen sich ein 140-Prozent-Pensum. «Wir haben uns eine eigene Kundschaft aufbauen können», meint Jourdan. «Dazu verfügen wir über gute Kontakte zu Bibliotheken, was für einen kleinen Betrieb sehr wichtig ist. Darüber hinaus habe ich ein Sortiment an Winterthurer Literatur und Stadtgeschichte, Antiquarisches wie alte Karten, Panoramen etc., aufgebaut, wie man es sonst nirgends findet. Einiges stammt noch aus den Beständen des ehemaligen Verlags Vogel, der zur Buchhandlung gehörte.»

 

Robert Jourdan ist in Winterthur geboren und aufgewachsen; er machte in der ehemaligen Winterthurer Buchhandlung Hoster die Lehre, arbeitete anschliessend eineinhalb Jahre in einem Münchner Verlag und kehrte dann in die Schweiz zurück. In Schaffhausen übernahm er die evangelische Buchhandlung, die später zur ersten ökumenischen Buchhandlung der Schweiz fusionierte. Nach 17 Jahren kam er zurück nach Winterthur und trat eine Stelle bei Vogel an. Von Anfang an war Jourdan aktives Mitglied des Angestelltenverbands des Schweizer Buchhandels ASB und präsidierte zeitweise den Ortsverein Winterthur/ Ostschweiz.

 

Die Fusion zur Mediengewerkschaft comedia hat Jourdan begrüsst: «An der comedia-Gründungsversammlung und am ersten Kongress habe ich erlebt, was es bedeutet, in einer Gewerkschaft zu sein, wo die grosse Tradition der Druckbranche spürbar war.» Er selbst engagierte sich weiterhin, jetzt in der Branche Buch und Medienhandel. «Starke Gewerkschaften sind nötig», meint er dezidiert. Wichtige Anliegen sind ihm die Arbeitsbedingungen im Verkauf, die durch die erweiterten Ladenöffnungszeiten unter Druck kommen, und als Mitinhaber einer kleinen Buchhandlung stellt er sich in aller Deutlichkeit hinter die Forderung, die Buchpreisbindung zu bewahren: Die Aufhebung habe den Konsumentinnen und Konsumenten nichts gebracht. Bücherkoffer, Metzggasse 12, 8400 Winterthur; 052 269 07 81, www.buecherkoffer.ch


Charlotte Spindler, freie Journalistin in Zürich

Der Preis ist heiss - Buchhandlung Altstadt Bülach

Am 11. März entscheidet der Souverän über die Buchpreisbindung. Für Buchhandlungen ist sie (überlebens-)wichtig. Ein Augenschein in Bülach.

 

Ortsunkundige finden die Buchhandlung Altstadt nicht auf Anhieb. Umrahmt von verwinkelten Gassen und umgeben von prächtigen Riegelbauten liegt sie ein wenig versteckt an der Untergasse in Bülach. Judith Wälchli, die zusammen mit Andrea Frei den Laden besitzt, empfängt mich. Sie bittet mich, auf einem Polstersessel Platz zu nehmen, derweil sie für uns beide Kaffee macht.

 

© zvg


In hellem Grün, mit weisser Decke und weissen Stützpfeilern sowie einem hervorragend dazu passenden Kronleuchter präsentiert sich die Buchhandlung. Das Angebot ist vielfältig und vermag zu überzeugen – der erste Blick offenbart viele Krimis, daneben liegt Steve Jobs’ Biografie auf. Dann folgt ein reichhaltiger Bestand an Klassikern der Weltliteratur, Longseller neben Bestsellern, Kinder- und Jugendbücher neben Koch- und Gartenbüchern. «Nur EDV- und Wirtschaftsbücher gehören nicht zum Angebot», sagt Wälchli.


Die Kundschaft der Altstadt kommt nicht nur aus dem 17 500 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Städtchen, sondern auch aus den umliegenden Gemeinden. Ernst zu nehmende Konkurrenz befindet sich am Flughafen, in Bachenbülach und im Einkaufszentrum Bülach Süd, wo sich Orell Füssli respektive Weltbild und Ex Libris eingerichtet haben. Die beiden Buchhändlerinnen fühlen sich zwar etwas erschöpft vom Weihnachtsgeschäft, sind aber mit dem Geschäftsgang insgesamt zufrieden. Weshalb engagieren sie sich denn mit dem Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband für ein Ja zur Buchpreisbindung? Wälchli verweist auf Billiganbieter wie Ex Libris. Kürzlich sei wieder einmal eine Kundin aufgekreuzt, die nach dem Preis eines bestimmten Buchs gefragt habe. «Nachdem ich ihr den nicht verhandelbaren Preis genannt hatte, streckte sie mir einen Zettel unter die Nase, auf dem das gesuchte Buch acht Franken billiger war. Da können und wollen wir nicht mithalten.»


Ungleich lange Spiesse
Zwar bildeten solche Kundinnen und Kunden noch immer die Ausnahme, sagen Wälchli und Frei. Doch sie fürchten, dass bei einem definitiven Fall der Preisbindung die Zahl der Schnäppchenjäger erheblich zunehmen dürfte.

 

Der Anteil des Online-Buchhandels wächst kontinuierlich. Zwar findet diese Entwicklung unabhängig von der Buchpreisbindung statt. Nur: Mit dem Wegfall der Preisbindung werden sich kleine Buchhandlungen gerade auch im Internet nicht mehr behaupten können. Denn auf Rabattschlachten, wie sie die Onlineriesen Amazon oder Ex Libris führen, können sich kleine Buchhandlungen, die ebenfalls online verkaufen, nicht einlassen. Vor allem im Internet brauchen Letztere gleich lange Spiesse, was nur die Buchpreisbindung gewährleisten kann.


Umgekehrt hat die Buchhandlung viele treue Kundinnen und Kunden, die ihre Bücher zwar irgendwo suchen, sie aber in der Altstadt kaufen. Und nicht wenige von ihnen kommen auch deshalb in den Laden, um hier andere Bülacherinnen und Bülacher zu treffen oder sich vom Angebot inspirieren zu lassen.


Zusätzliches Standbein
Da die beiden Buchhändlerinnen den Grossteil ihrer Kundinnen und Kunden und somit deren Leseverhalten bestens kennen, können sie eine massgeschneiderte Beratung anbieten. Das gilt auch für die Beratung der Schulen und Bibliotheken, das zweite Standbein der Buchhandlung. «Bis jetzt sind uns die Schulen und Bibliotheken treu geblieben. Sollten aber Budgetkürzungen eintreten, müssten wir damit rechnen, dass sie ihre Einkäufe nur noch dort tätigen, wo die Bücher billiger sind», sagt Wälchli.


Die Altstadt-Buchhandlung hat ihre Anstrengungen in Bezug auf die Kundenbindung in den letzten Jahren verstärkt. Seit zwei Jahren öffnet die Buchhandlung auch abends zum «Schmökern & Geniessen»: Eine Gruppe kann den Laden ganz alleine für sich mieten, um in aller Ruhe und nach Herzenslust in den Büchern zu schmökern. Die Nachfrage ist gross; wöchentlich lässt sich eine Gruppe «einschliessen». Diese «Buch-Aficionados» schmökern nicht nur, sondern kaufen auch weidlich Bücher. Ein willkommener, aber auch nötiger Zusatzverkauf. Denn in den letzten Jahren verzeichnete die Altstadt leichte Umsatzrückgänge. Der Hauptgrund: Seit der Aufhebung der Buchpreisbindung 2007 verkauft man hier merklich weniger Bestseller.


Billige Bestseller, teure Fach-, Sach- und Lehrbücher

Damit spricht Wälchli ein zentrales Merkmal der Veränderungen an, die typisch sind für Buchmärkte ohne Preisbindung: Die Bestseller werden massiv günstiger, während Fach-, Sach- und Lehrbücher teurer werden. Auch deshalb setzen sich die beiden Buchhändlerinnen für die Abstimmung ein und werden im Januar ihr Schaufenster nutzen, um die Kundinnen und Kunden für die Preisbindung zu sensibilisieren. Schliesslich geht es auch um den «Nachwuchs». «Sollte sich der Geschäftsgang weiter verschlechtern, werden wir unseren Ausbildungsplatz nicht behalten können. Schon das alleine ist ein Grund, uns für die Buchpreisbindung zu engagieren.»


Daniel Bouhafs, freier Journalist in Zürich

Buchhandlung Hirschmatt, Luzern

Hoher Preis für billige Bücher: Die Buchpreisbindung ist wichtig, für kleinere, unabhängige Buchhandlungen langfristig sogar überlebenswichtig. Ein Beispiel


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