Anstatt vorzeitig aus dem Berufsleben auszusteigen, hat sich Robert Jourdan, 62, selbstständig gemacht und zusammen mit Partnerin Sylviane Louis in Winterthur einen feinen, kleinen Buchladen eröffnet.
Von der Marktgasse, der zentralen Shoppingmeile in der Altstadt von Winterthur, sind es bloss ein paar Schritte: Das blau-gelbe Ladenschild – auf der einen Seite ein aufgeschlagenes Bücherköfferchen mit Flügeln, auf der anderen Seite das Logo des Reisebüros Hildebrand – ist nicht zu übersehen. Im Ladenfenster links ist die Auslage ganz auf Lektüre ausgerichtet, rechts von der Eingangstür schaut eine bronzene indische Gottheit auf die Metzggasse.
Der Bücherkoffer ist eine einleuchtende Mischung von Buchhandlung und Reisebüro. Zwei gemütliche Sessel, elegante Wandregale, Büchertische und die Ladentheke: Ganz klar, hier gehts ums Buch. Im hinteren Teil des Geschäftslokals beraten Christian Hildebrand und Carmine Bernardo ihre Kundinnen und Kunden, organisieren Reisen nach dem Fernen Osten oder in den hohen Norden, Städtetouren und mehr. «Wir können Synergien nutzen», sagt Buchhändler Robert Jourdan, «Kundschaft, die eine Reise buchen möchte oder sich für eine bestimmte Destination interessiert, findet bei uns die passende Reiseliteratur. Wir führen aber auch Wanderführer und Kartenwerk für den Ausflug im Nahbereich.» Er selbst ist ein begeisterter Wanderer und liebt vor allem das Zürcher Oberland und das Tösstal unweit der Stadt.
Selbstbestimmt arbeiten
Mit den Schwerpunkten Reisen, Krimis und Winterthurer Literatur hat der Bücherkoffer seine Nische gefunden. Bereits an ihrer früheren Stelle in der Buchhandlung Vogel war Sylviane Louis verantwortlich für die Krimi-Abteilung, während Robert Jourdan die Reise-Abteilung unter sich hatte. Als im Sommer 2008 die Winterthurer Traditionsbuchhandlung an die Buchhandelskette Thalia verkauft wurde, überlegten sich Louis und Jourdan schon mal, wie ihre Zukunft im Buchhandel aussehen könnte. Im Sommer 2010 nahm die Idee, sich selbstständig zu machen, Gestalt an. Als ihr Bekannter Christian Hildebrand begeistert auf das Projekt eines kombinierten Buchladens und Reisebüros einstieg, gings zügig vorwärts. Ein auf Ladeneinbauten spezialisierter Architekt wurde beigezogen; das Altstadtlokal, in dem vorher nur das Reisebüro eingemietet war, erhielt ein grundlegend anderes Gesicht. Im März 2011 war Eröffnung. Jourdan lacht: «Nach 45 Jahren im Beruf bin ich als 62-Jähriger noch Jungunternehmer geworden!» Und fügt sofort hinzu: «Gewerkschaftsmitglied bleiben meine Partnerin und ich trotzdem.»
«Starke Gewerkschaften sind nötig»
Die neu gewonnene Freiheit macht Spass, auch wenn es am Anfang viel Arbeit für bescheidenen Lohn ist. Jourdan und Louis teilen sich ein 140-Prozent-Pensum. «Wir haben uns eine eigene Kundschaft aufbauen können», meint Jourdan. «Dazu verfügen wir über gute Kontakte zu Bibliotheken, was für einen kleinen Betrieb sehr wichtig ist. Darüber hinaus habe ich ein Sortiment an Winterthurer Literatur und Stadtgeschichte, Antiquarisches wie alte Karten, Panoramen etc., aufgebaut, wie man es sonst nirgends findet. Einiges stammt noch aus den Beständen des ehemaligen Verlags Vogel, der zur Buchhandlung gehörte.»
Robert Jourdan ist in Winterthur geboren und aufgewachsen; er machte in der ehemaligen Winterthurer Buchhandlung Hoster die Lehre, arbeitete anschliessend eineinhalb Jahre in einem Münchner Verlag und kehrte dann in die Schweiz zurück. In Schaffhausen übernahm er die evangelische Buchhandlung, die später zur ersten ökumenischen Buchhandlung der Schweiz fusionierte. Nach 17 Jahren kam er zurück nach Winterthur und trat eine Stelle bei Vogel an. Von Anfang an war Jourdan aktives Mitglied des Angestelltenverbands des Schweizer Buchhandels ASB und präsidierte zeitweise den Ortsverein Winterthur/ Ostschweiz.
Die Fusion zur Mediengewerkschaft comedia hat Jourdan begrüsst: «An der comedia-Gründungsversammlung und am ersten Kongress habe ich erlebt, was es bedeutet, in einer Gewerkschaft zu sein, wo die grosse Tradition der Druckbranche spürbar war.» Er selbst engagierte sich weiterhin, jetzt in der Branche Buch und Medienhandel. «Starke Gewerkschaften sind nötig», meint er dezidiert. Wichtige Anliegen sind ihm die Arbeitsbedingungen im Verkauf, die durch die erweiterten Ladenöffnungszeiten unter Druck kommen, und als Mitinhaber einer kleinen Buchhandlung stellt er sich in aller Deutlichkeit hinter die Forderung, die Buchpreisbindung zu bewahren: Die Aufhebung habe den Konsumentinnen und Konsumenten nichts gebracht. Bücherkoffer, Metzggasse 12, 8400 Winterthur; 052 269 07 81, www.buecherkoffer.ch
Charlotte Spindler, freie Journalistin in Zürich

















