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Herausforderung Digitalisierung

Etwas mehr als 30 Jahre reichten, um in der Druckindustrie aus rein handwerklichen Berufen elektronisch dominierte Tätigkeiten werden zu lassen. Die Möglichkeiten der Informationsvermittlung durch das Internet und das dadurch veränderte Konsumverhalten nehmen den Druckereien vermehrt wertschöpfende Aufträge weg.

 

Hans-Peter Graf, Zentralsekretär Grafische Industrie und Verpackung, «m»-Magazin 14.9.10
 
Während meiner vierjährigen Schriftsetzerlehre bis April 1972 im Bleisatz bei der Art. Institut Orell Füssli AG in Zürich diskutierten die Setzer – Frauen gab es zu jener Zeit kaum – immer wieder über die Frage: Nehmen die «Frauen von der Strasse» uns den Job weg? Der sogenannte «Massensatz», vor allem zur Herstellung von Büchern, Broschüren, Katalogen, Zeitungen und Zeitschriften, wurde immer häufiger an Apparaturen mit einer schreibmaschinenähnlichen Tastatur durch ungelernte Frauen erledigt. Die so entstandenen Endloslochbänder steuerten dann die Setzmaschinen.

Für die Unternehmer brachte dieser technische Fortschritt mehr Produktivität und dank Lohneinsparungen bei den Frauen ohne Berufslehre mehr Gewinn. Von gewerkschaftlicher Seite antworteten wir zu jener Zeit auf diese Veränderungen unter anderem mit Flugblattaktionen an Berufswahlmessen in Zürich: Wir warnten vor der Ergreifung des Setzerberufes. 

Veränderungen machen Angst

Die Geschwindigkeit der technischen Umwälzungen in der Satzherstellung beschleunigte sich, der Bleisatz verlor rasant an Bedeutung. Bei der Bildherstellung und bei den verschiedenen Druckverfahren blieb vorderhand das meiste beim Alten. Zu Beginn der 1980er-Jahre diskutierten die AktivistInnen der Zürcher Sektion der Gewerkschaft Druck und Papier vehement über die Notwendigkeit einer «Maschinenstürmerei» analog jener von Uster im 19. Jahrhundert. Zu bedrohlich erschien vielen die bevorstehende Einführung des Personal Computers als normales Arbeitswerkzeug – dies sollte wenn möglich verhindert werden!

Erst im Verlauf der 1990er-Jahre wurden allmählich auch die übrigen Bereiche der Drucksachenherstellung von der technologischen Revolution erfasst. Die Berufsbilder TypografIn (Satz) und LithografIn (Bild) verschmolzen zu einem einheitlichen und mehr zukunftsgerichteten Berufsbild (PolygrafIn).

Internet beschleunigt Abbau

Die Herstellungsprozesse im Druck wurden im zurückliegenden Jahrzehnt richtiggehend pulverisiert. «Intelligentere» Druckmaschinen erfordern nicht nur weniger Beschäftigte, auch die Druckvolumina erhöhten sich laufend. Ähnlich lief es auch in der Druckweiterverarbeitung.

Parallel dazu setzte sich der Siegeszug des Internets fort. Die Informationsvermittlung wurde vielfältiger – und oft gratis! Seit Neuestem ergänzen multimediale Informationsträger wie das Smartphone das Angebot. Viele Produkte sind heute über das Internet erwerbbar – von der Ferienreise bis zum Computer. Dadurch nimmt die Bedeutung etwa von Werbeprospekten und -katalogen immer mehr ab. Auch die Auflagezahlen von Geschäftsberichten (zum Beispiel von Banken) gehen zurück – wenn sie überhaupt noch gedruckt werden, was etwa bei Tamedia nicht mehr der Fall ist. Meistens ist alles Wichtige über die Website des Unternehmens als PDF-Dokument abrufbar.

Elektronik bestimmt Druckprozess

Die Beschäftigten der Medienbranche bekamen und bekommen all diese beschriebenen Veränderungen in Form eines weiterhin nicht gestoppten Abbaus von Arbeitsplätzen zu spüren. Alleine im Zeitraum von 2001 bis 2009 verschwanden 24,6 Prozent der Stellen.

Trotz alledem: Die Beerdigung der Druckindustrie steht nicht bevor. Es gibt immer noch genügend Produkte, im kleineren wie grösseren Umfang, die in gedruckter Form nachgefragt werden. Unternehmer(verbände) und Gewerkschaften sind in Zusammenarbeit mit den zuständigen staatlichen Stellen aber gefordert, damit der Rückbau der Produktionskapazitäten in der Druckindustrie für die Betroffenen in sozialverträglicher Form vorgenommen werden kann und die Verlagerung auf Arbeitsplätze in neuen Bereichen nicht unkontrolliert erfolgt.